Resilienz macht Menschen zu Überlebenskünstlern

Psychologie – Resilienz macht Menschen zu Überlebenskünstlern

Wie Phönix aus der Asche – Resilienz macht Menschen zu Überlebenskünstlern

Resilienz macht Menschen zu Überlebenskünstlern
Resilienz macht Menschen zu Überlebenskünstlern

Das chinesische Wort für Krise “wei-chi” setzt sich aus den Wörtern Gefahr (“wei”) und Chance (“chi”) zusammen. Demnach können Menschen eine Krise entweder als schicksalhafte Katastrophe betrachten oder als Chance, mehr über sich zu erfahren, sich weiterzuentwickeln und gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Doch was unterscheidet Menschen, die Schicksalschläge wie Arbeitslosigkeit, Trennungen oder Krankheit nicht aus der Bahn werfen, von denjenigen, die mit ihrem Schickal hadern oder daran zerbrechen? Hier erfahren Sie mehr zur Resilienz in der Psychologie, der Resilienzforschung sowie den wichtigsten Faktoren zum Erlernen der Resilienz.

Resilienz in der Psychologie

In der Psychologie wird die Fähigkeit, flexibel auf wechselnde und belastende Lebensumstände und deren negativen Folgen zu reagieren, Schwierigkeiten als Herausforderungen zu sehen, Lebenskrisen zu meistern und Traumata scheinbar unversehrt zu überstehen, als Resilienz bezeichnet. Resilienz bedeutet wörtlich Elastizität. Die Psychologie hat den Begriff aus der Werkstoffphysik übernommen. Dort werden Materialien als resilient bezeichnet, die, wie zum Beispiel Gummi, nach extremer Spannung ihren Ursprungszustand zurückerlangen.

Welche Faktoren dafür ausschlaggebend sind, dass es manchen Menschen gelingt, diese Anpassungsfähigkeit, innere Widerstandskraft und seelische Stärke zu entwickeln, ist Gegenstand der Resilienzforschung in der Entwickungspsychologie. Den Erkenntnissen zufolge kann Resilienz auch noch im Erwachsenenalter bis zu einem gewissen Grad erlernt, entwickelt und gefördert werden.

Die Kinder von Kauai

Bereits ab Mitte der 1950er Jahre hat die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner in einer Langzeitstudie vier Jahrzehnte lang auf der hawaiianischen Insel Kauai 698 Kinder beobachtet, die einen denkbar schlechten Start ins Leben hatten. Ihre Chance auf eine erfolgreiche Zukunft war laut den Prognosen sehr gering. Die Jungen und Mädchen stammten aus sehr armen, oft zerrütteten Familien, waren misshandelt oder vernachlässigt worden. Doch die Ergebnisse waren überraschend. Denn trotz dieser katastrophalen Ausgangsbedingungen entwickelten sich dreißig Prozent dieser Kinder erstaunlich gut. Sie wurden zu fürsorglichen und selbstbewussten Erwachsenen, die sowohl beruflich als auch privat ihr Leben meisterten.

Diese Kinder besaßen die Art seelisches Immunsystem, das von der Psychologie als Resilienz bezeichnet wird. Sie verfügten über Eigenschaften und Lebensstrategien, die es ihnen ermöglichten, nicht an dem problematischen Umfeld zu zerbrechen, sondern die schwierigen Verhältnisse zu bewältigen und daran zu wachsen.

Ergebnisse der Resilienzforschung

Maßgeblich dafür war eine stabile Beziehung zu einer liebevollen Vertrauensperson, die dem Kind viel Aufmerksamkeit geschenkt, Halt gegeben und zugleich als soziales Vorbild gedient hat. Dabei musste es sich nicht um die Mutter oder den Vater handeln, sondern es konnte auch ein Lehrer, eine Tante oder ein Freund sein.

Auch Merkmale wie gutes Aussehen, Intelligenz, Offenheit gegenüber anderen Menschen und ein ruhiges, positives Temperament zählten zu den von Werner genannten individuellen und sozialen Schutzfaktoren. Denn diese Merkmale lösten positive Reaktionen wie Interesse, Anerkennung, Unterstützung und Förderung innerhalb der Umwelt aus und begünstigten die Entstehung von zwischenmenschlichen Kontakten und Freundschaften. Zudem waren die resilienten Kinder schon früh gezwungen, Verantwortung für sich zu übernehmen, und dadurch stärker gefordert.

Indem diese Kinder sich ihren Schwierigkeiten stellten und Strategien entwickelten, um damit umzugehen, wuchsen ihr Selbstvertrauen und ihre Selbstachtung. Sie entwickelten bereits früh einen Lebensplan, wollten ihr Leben selbst gestalten und glaubten daran, dass es ihnen gelingen kann. Diese Schutzfaktoren wirken laut der Kauai-Studie auch noch bei Erwachsenen, die dann in der Lage sind, das eigene Leben in positive Bahnen zu lenken.

Die Ergebnisse weiterer Studien der Resilienzforschung, die danach durchgeführt wurden, belegten diese Erkenntnisse: Seelisch robuste Kinder sind emotional ausgeglichener, anpassungsfähiger, kontaktfreudiger, verantwortungsvoller und handlungsorientierter als andere Kinder.

Resilienzfaktoren im Alltag

Entscheidend für die persönliche Entwicklung und ein erfolgreiches Leben sind demnach nicht die Schwierigkeiten oder Schicksalsschläge, mit denen Menschen zu kämpfen haben, sondern die Art und Weise, damit umzugehen. Dabei spielen sowohl die genetische Grundausstattung eines Menschen als auch ein in der Kindheit gebildetes Urvertrauen eine Rolle, das ein positives Selbstbild und gute Beziehungen zu Partnern und Freunden ermöglicht.

Resiliente Menschen glauben, mit ihren Handlungen etwas bewirken zu können und machen ihren Selbstwert nicht unbedingt von den erzielten Erfolgen abhängig. Misserfolge schreiben sie eher dem Schicksal zu. Dadurch sind sie besser vor Krisen geschützt. Sie sind lösungsorientierter, lassen sich auch in Krisenzeiten nicht entmutigen und erhalten sich eine optimistische Perspektive. Ein wichtiger Faktor dabei ist emotionale Intelligenz, die es ermöglicht, die eigenen und die Gefühle anderer Menschen besser zu erkennen und zu verstehen.

Resilientes Verhalten ist erlernbar

Resilienz lernen, die wichtigsten Faktoren.
Resilienz lernen, die wichtigsten Faktoren.

Auch denjenigen, denen Resilienz nicht in die Wiege gelegt wurde, machen die Resilienzforscher Hoffnung. Denn Psychologen gehen davon aus, dass die in der Wechselwirkung zwischen genetischer Veranlagung und Einflüssen in der Umgebung entstandene innere Widerstandsfähigkeit keine feststehende Eigenschaft, sondern ein fortwährender, aktiver Prozess zwischen dem einzelnen Menschen und seiner Umwelt ist.

Demnach können Kinder, aber auch noch Erwachsene resilientes Verhalten bis zu einem gewissen Ausmaß erlernen, trainieren und steigern, indem sie sich resiliente Denkmuster und Verhaltensstrategien zu eigen machen. Auch durch die erfolgreiche Bewältigung von extremen Stresssituationen, persönlichen Krisen und Schicksalsschlägen wird die Resilienz gestärkt.

Resilientes Verhalten lernen

Laut den Psychologen sollten am besten bereits Kinder damit anfangen, resilientes Verhalten zu erlernen. Dabei gelten drei Aspekte als besonders wichtig:

  • Ein Kind sollte Vertrauen in die eigene Kompetenz entwickeln. Es sollte also für seine Leistungen und nicht für seine Eigenschaften gelobt werden.
  • Zudem sollte dem Kind vermittelt werden, dass es stets verschiedene Sichtweisen auf eine bestimmte Situation gibt,
  • und es sollte angeleitet werden, Freunde zu finden.

Für Erwachsene zeigt die amerikanische Psychologenvereinigung in der Broschüre „The road to resilience“ folgende Wege dazu auf:

Soziale Kontakte aufbauen

Soziale Kontakte aufbauen, um insbesondere auch in Notzeiten auf hilfreiche Unterstützer bauen zu können. Das kann etwa auch ein Engagement in einem Verein oder ein soziales Ehrenamt sein.

Krisen einschätzen

Krisen nicht als unüberwindliches und dauerhaftes Problem betrachten. Wer das Gefühl hat, eine Situation kontrollieren zu können, ist weniger belastet und setzt darauf, die eigene Zukunft positiv gestalten zu können.

Realistische Ziele

Dazu gehört auch, realistische Ziele zu entwickeln und diese Ziele nicht aus den Augen zu verlieren.

Kein Opfer sein

Sich nicht als Opfer betrachten, sondern eine Bestandaufnahme der Situation machen, die Initiative ergreifen und aktiv werden.

Eigene Kompetenz

An die eigene Kompetenz glauben und eine Langzeitperspektive einnehmen. Wer in der Lage ist, sich in Krisenzeiten neu zu entdecken und die Situation in den Lebenskontext einzuordnen, kann selbst in Schwierigkeiten einen Sinn erkennen und daraus Kraft ziehen.

Verantwortung für sich selbst übernehmen

Zuletzt ist es auch wichtig, für sich selbst zu sorgen und sich zeitweise zurückzuziehen, um zu trauern, nachzudenken und neue Energie zu schöpfen, auch die Verantwortung für sich selbst wieder übernehmen.